Die Sanduhr
Wo die Dichter hin sind, will ich wissen. / Die, die immer Tacheles reden
Haben sie ihr Handwerk geschmissen, / sind sie ausgewandert nach Schweden?
Vielleicht kommen sie nicht über die Runden, / und schuften für billigen Lohn.
Oder sie haben keinen Verlag gefunden - / schließlich gibt es das Internet schon.
Wo die Dichter hin sind, will ich wissen. / Solche wie Hüsch und Hölderlin.
Liegen sie - erstickt unter einem Kissen -, / war alles viel schlimmer als es schien?
Gab es nicht jene wortreichen Quellen, / aus denen die Schönheit der Sprache entsprang?
Wagten es Dichter nicht, Fragen zu stellen - / sei es Triumph oder Abgesang?
Ist die Stimme der Dichter verloren gegangen / in der allgemeinen Hysterie?
Gibt es ein Tribunal, hat es schon angefangen? / Verrät diese Stille nur Lethargie?
Sind sie dem täglichen Lärm gewichen / oder einer tiefen Depression?
Haben sie sich aus der Verantwortung geschlichen / nach ihrem letzten Dichterton?
Sind die Worte ihnen verklumpt, / zu einem großen babylonischen Wörterbrei?
Hat ein Popanz alle Hirne aufgepumpt / und sich zu Tode amüsiert dabei?
Müssen wir Namen mühsam aus Grabsteinen kratzen, / auf einsamen Friedhöfen wildern?
Ich höre Gedanken wie Blasen zerplatzen / und lebe den Tag doch in poetischen Bildern.
Sind in den Hinterzimmern der Macht / längst die Würfel aus Knochen gefallen?
Die Welt - sie wird neu und steinern gedacht, / schon hört man die Stiefel der Vasallen.
Sind in den Verstand die polternden Horden, / die Vandalen endgültig eingezogen?
Sind die Schreiberlinge gefügig geworden, / hat ein Schwamm Hirn und Herz aufgesogen?
Sind Rufe aus Kältekammern gedrungen, / Schreie wie Turmuhren verstummt?
Noch ist das Lied nicht zu Ende gesungen, / es wird noch heimlich gesummt.
Wie die Lunge für den Langstreckenläufer, / ist der Geist eine Gabe des Herrn.
Ich denke da an den Kopf des Johannes, dem Täufer - / auch heute serviert ihn die Obrigkeit gern.
Sind sie nicht selig, wie die Armen so reich, / doch belächelt aus größter Distanz?
Sand im Getriebe, so schrieb es Günter Eich, / ist der Sieg über jede Arroganz.
Sind die Dimensionen nicht alle gesprengt? / Was können wir denn noch erfassen?
Da steht der Mensch: ins Maßlose versenkt, / irgendwo zwischen Lieben und Hassen.
Hat es den Dichtern die Sprache verschlagen, / wurde es alles zu viel?
Hat man sie einfach fortgetragen, / oder gingen sie ins Exil?
Haben sie die Götterwelt besungen, / den Zorn des Orpheus erregt?
Sind sie sonst wo unerwünscht eingedrungen, / und haben dort etwa Feuer gelegt?
Sind sie an Unbehagen oder einem Makel / zu früh gestorben im Leid?
So wie Kafka, Orwell oder Trakl - / in relativer Einsamkeit?
Suchten sie nicht alle unentwegt / einen Stern, einen Himmel über sich?
Am Ende blieb - ganz unaufgeregt - / oft nur ein Gedankenstrich.
Liegt es am Zugang, ist die Wahrnehmung getrübt? / Hat das Wort ausgedient, liegt es etwa am Denken?
Hat wer einen Anschlag, ein Attentat verübt? / Kann man sich das Schreiben jetzt schenken?
Sind die Dichter ihrer Zeit voraus, / oder zieht die Zeit an ihnen vorüber?
Ich jedenfalls hab eine Sanduhr zu Haus - / und die ist mir tausendmal lieber.
Sie stellt mich und mein Leben dauernd in Frage, / sie läuft ohne Zeiger und Rad.
Ist das Dichten heutzutage / vielleicht die letzte Heldentat?
(Januar 2025)
Von Lorbeeren und Kränzen
Man kann ja vieles wollen -
und auch einiges erreichen.
Aber wo die bekannten Lorbeeren wachsen sollen,
ist ein Geheimnis sondergleichen.
Auf kargen Böden gedeihen sie nicht,
wer trotzdem welche findet, hat schnell Neider.
Am besten eignet sich da eine kleine Humusschicht -,
oft sind sie aber auch schon abgeerntet, leider!
Das ist dann immer ärgerlich,
und in Gefühlen schwer auszudrücken.
Vor allem, wenn viele andere sich
so schamlos damit schmücken.
Umschmeichelte nicht so manches Haupt
ein zart geflocht´ner Siegeskranz?
War das Sinnbild, das die Sinne raubt,
nicht vor allem Ausdruck kalter Arroganz?
Wie auch immer: Ruhm, Ehre,Toleranz -,
als Symbol taugt unser Lorbeerstrauch
noch immer, und zwar voll und ganz!
So will es dieser alte Brauch.
Denken wir an Caesar, unsern Julius,
der sich mit dem Immergrün umgab.
Aber auch die Griechen kamen in den Genuss,
und legten sich damit ins Grab.
Ihr Oberhäupter aller Herren Länder
sonnt euch gern im Glanz der Göttlichkeit.
Bald zerreissen, bersten eure goldnen Bänder -
bedenket, dass ihr sterblich seid!
(März 2026)
Das Narrenlied
Kamele reiten durch ein Nadelöhr,
es muss ein Irrtum sein, liegt es an meinem Gehör?
Ein Stern geht auf über Berlin.
Ostermärsche, auf Plakaten steht,
wie das politisch mit dem Frieden so geht,
wenn man nur will - es müssen jetzt alle mitziehen.
Aber alles wohnt unter einem Dach,
der Geist ist willig und das Fleisch ist schwach.
Ich seufze bloß in meinem Narrengewand
über dieses deutsche Land.
Mit dem Fuß in der Tür und einer Selbstherrlichkeit,
die beispiellos ist, nur dem Guten geweiht,
wird der Maßstab gesetzt wie ein dunkles Denkmal aus Stein.
Die Feuerwehr rückt aus: Der Nahe Osten brennt.
Wer sich hier ein bisschen mit dem Thema auskennt,
der weiß: hier reicht nicht Wasser allein!
Alles wohnt unter einem Dach,
der Geist ist willig und das Fleisch ist schwach.
Ich seutze bloß in m einem Narrengewand
über dieses deutsche Land.
Was es braucht ist vielleicht - noch vor dem bankrott -
eine Seele wie die eines Don Quichote,
war die Spitze seiner Lanze doch niemals gesenkt.
Riesenhaft, jede Windmühle steigt
kühn empor, doch die Erfahrung zeigt:
Der Feind schaut ganz anders aus, als man denkt!
Alles wohnt unter einem Dach,
der Geist ist willig und das Fleisch ist schwach.
Ich seufze bloß in meinem Narrengewand
über dieses deutsche Land.
Ein sterbender Wal, sein Totengesang
ist ein Symbol für Rettung oder Untergang -
die Geschichte von Jona geht mir durch den Kopf.
Vater des Tages, Vater der Nacht,
wieviel Leid haben wir in diese Welt gebracht,
der Krieg ist so überflüssig wie ein Kropf.
Alles wohnt unter einem Dach,
der Geist ist willig und das Fleisch ist schwach.
Ich seufze bloß in meinem Narrengewand
über dieses deutsche Land.
Jedem Goliath seid ihr Helm und Schwert,
doch David bleibt, wie ihr wisst, der Sieg nicht verwehrt,
und der im Dornbusch wohnt bleibt immer, der er ist.
Kardinäle, die Szenen in purpur getaucht,
in einem Bett mit der staatlichen Macht, es braucht
einen Vorsatz, den nur ein Schelm hat, der schnell vergisst.
Alles wohnt unter einem Dach,
der Geist ist willig und das Fleisch ist schwach.
Ich seufze bloß in meinem Narrengewand
über dieses deutsche Land.
Wo das Aas ist, so wie ein Sprichwort heißt,
da ist der Geier schon, der am Himmel kreist -
die Wasser predigen, ersaufen in Wein.
Kein Hosianna, noch nicht! - Pilatus stellt
die immergleiche Frage einer tauben Welt
und taucht seine Hände in ein Becken aus Stein.
(April 2026)
Songtexte aus der CD "An den Wassern von Babylon"
Songtexte aus der CD "Künstler und Spinner"